Netzwerk Kirchenreform - Sunday, 5. September 2010
Das neue Gesicht des Christentums
Ein Interview mit dem Sprecher des Netzwerks in Publik Forum
Das ökumenische »Netzwerk Kirchenreform«
vermisst strategische Reformen in den Kirchen. Warum und welche? Fragen an den
Sozialethiker und Kirchenreformer Wolfgang Nethöfel
Von Hartmut
Meesmann
Publik-Forum:
Herr Nethöfel, Sie moderieren das ökumenische
»Netzwerk Kirchenreform« und haben ein Buch mit dem Titel »Kirchenreform
strategisch« herausgegeben. Der Name ist ja wohl Programm. Soll mit ihm
ausgesagt werden, dass die aktuellen Reformbemühungen in den Kirchen nicht
strategisch verlaufen?
Wolfgang Nethöfel:
Es werden in den Kirchen in der Tat wenig strategisch begründete
Entscheidungen angesichts neuer Herausforderungen getroffen. Es fehlt eine
grundlegende, auch theologische Analyse der heutigen Lebenssituation.
Publik-Forum:
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Nethöfel:
Wir stehen an der Schwelle einer neuen Epoche, die geprägt ist von vernetzten
Kommunikationsmedien und von einer prinzipiellen Globalisierung. Viele
Entscheidungen, Weltbilder und orientierende Informationen werden im weltweit
vernetzten Mediensystem ausgetauscht. Das hat Folgen: Die Christen stehen vor
der Aufgabe, sich ihre eigene Glaubenstradition neu anzueignen. Dabei hilft es,
sich klar zu machen, dass den Christen die eigene Tradition am Anfang nicht als
Buch vorgelegen hat, sondern als »Predigt und Geschrei von der Gnade und
Barmherzigkeit Gottes«, wie Martin Luther einmal sehr schön formulierte. In
den Anfängen des Christentums wurden die damals vorfindlichen Schriftreligionen
sozusagen revolutioniert. Das Christentum ist also selbst aus einer Krise der
damaligen Religionsformen entstanden. Die jüdisch-christliche Tradition ist von
vornherein von einem revolutionären Grundmuster geprägt. Das hilft, den
heutigen Umbruch nicht nur als schmerzvoll zu erleben, sondern auch als Chance.
Publik-Forum:
Worin liegt nun die besondere strategische Herausforderung für die Kirchen?
Nethöfel:
Die Globalisierung wird sehr deutlich an den weltweit am schnellsten wachsenden
religiösen Bewegungen: den Pfingstkirchen und charismatischen Bewegungen. Sie füllen
auf drei Kontinenten täglich ganze Fußballstadien mit ihren Gottesdiensten und
wachsen inzwischen auch in den USA sehr schnell. Dieses Anwachsen ist eine
strategische Herausforderung für die etablierten Kirchen. Das Spannende ist,
dass ihr Wachstum an den Rändern des etablierten Christentums stattfindet und
typischerweise in den Städten, wo das Christentum ja seinen Ursprung genommen
hat. Hinzu kommt, dass die Bilder, die in diesen Bewegungen leitend sind,
elektronisch vermittelt werden. Das heißt: Die Inhalte der Leitbilder sind
konservativ, die Vermittlungsformen jedoch revolutionär-modern. Diese Christen
bedienen sich völlig ungehemmt und kritiklos der modernen Medien.
Publik-Forum:
Was folgt daraus?
Nethöfel:
Man muss sich klar machen, dass die Globalisierung längst bei uns in
Deutschland angekommen ist: Die Matthäuskirche in Frankfurt am Main, nahe dem
Bahnhof, ist ein typisches Beispiel einer geschrumpften Gemeinde, die deshalb
nach dem Wunsch der Kirchenleitung aufgegeben werden soll. Gleichzeitig könnte
die Gemeinde aber eine Drehtür einbauen für all die ausländischen Gemeinden,
die hier ihren Gottesdienst feiern: mit jeweils 150 und mehr Besuchern aus aller
Welt, und sie liegt auf dem Weg zur Messe, könnte also das Globalisierungsthema
»Wirtschaft und Religion« besetzen. Es lässt sich also als Folge der
Globalisierung längst eine Öffnung an den Rändern beobachten. Darauf muss
strategisch reagiert werden. Es gibt ja inzwischen ausländische Gemeinden, die
in evangelische Landeskirchen eingetreten sind. Vor allem aber müssen die
deutschen Gemeinden erkennen, dass sie heute Verantwortung für die weltweite
Christenheit tragen.
Publik-Forum:
Was werfen Sie den Verantwortlichen in den Kirchen vor?
Nethöfel:
Beide Kirchen betreiben Nabelschau. Es geht doch derzeit nur darum, den
eigenen Bestand zu sichern. Die Kirchen begreifen sich als Institutionen, aber
nicht als lebendige Organisationen, die sich immer wieder neu an Zielen
orientieren. Die christlichen Kirchen bleiben nur lebendig und bei sich selbst,
wenn sie den Prozess organisieren, in dem eine Überlieferungsreligion zu einer
Missionsreligion wird. Das heißt: indem sie sich selbst als Organisation
verstehen lernen – und nicht als Verwaltung. Eine Kirche, die ganz bei ihrer
Sache und damit bei sich selbst ist, orientiert sich nicht am Zentrum, nicht an
sich selbst, sondern schaut nach außen, sie schaut nicht nach oben, sondern
nach unten. Das legt die biblische Überlieferung nahe – über alle Epochen
hinweg. Das bedeutet auch eine gewisse Distanz zur Ökumene – jedenfalls dann,
wenn sie sich nur binnenchristlich versteht. Denn Ökumene heißt qua
Definition: Die Kirchen beschäftigen sich mit sich selbst. Es wird versucht,
Probleme zu lösen, die es ohne die Kirchen gar nicht gäbe. Dagegen sage ich:
Wir müssen Kirche für andere sein. Diese Stoßrichtung muss man institutionell
absichern – und niemals den Bestand.
Publik-Forum:
Nun hat unter anderem die Sinus-Milieu-Studie deutlich gemacht, dass die
Kirchengemeinden eher bürgerlich-konservativ gestrickt sind. Sie werden sich
kaum in der Weise öffnen und öffnen können, wie Sie das fordern.
Nethöfel:
Diejenigen, die einmal sozialpolitisch, diakonisch oder sonst wie für andere
gearbeitet haben – auch über die eigenen Milieugrenzen hinweg –, die fühlen
sich in aller Regel sehr bereichert. Alle Zeugnisse des christlichen Ursprungs
sind Zeugnisse derer, denen genau dieser Schritt gelungen ist. Die Kirche muss
ihren Mitgliedern vermitteln, dass sie aus der Sicherheit ihrer religiösen
Tradition heraus in Beziehungen treten müssen. Die gemeindlich-kirchliche
Arbeit sollte sich auf Begegnungen an den Rändern der Gesellschaft
konzentrieren und nicht auf den Bestand herkömmlicher Strukturen achten. Das
ist entlastend und befreiend – und alternativlos. Denn sonst geht mit dem
Bestand auch die Sache selbst verloren. An den Rändern wächst neues Leben.
Publik-Forum:
Sind denn die Kirchengemeinden zukünftig überhaupt noch die Säulen der
Kirche? Sollen sie es überhaupt sein?
Nethöfel:
Man darf sich auf keinen Fall allein an diesem Flickenteppich von
Ortsgemeinden orientieren. Denn diese kirchlichen Gemeindestrukturen, wie wir
sie kennen, sind global betrachtet eine kirchliche Sonderform. Wir müssen
vielmehr fragen: Wie können wir das, was wir als Christen für die Menschen
leisten sollen, am besten leisten?
Auf dem Land wird man sicher eher bei den
gewachsenen Gemeindestrukturen bleiben müssen. Aber die Probleme werden
unweigerlich kommen: Die Kirchen werden weniger Geld haben und auf weniger Leute
zurückgreifen können. Die seelsorgliche Versorgung wird daher anders
organisiert werden müssen: mehr in Projekten und Netzwerken. Die ehrenamtliche
Mitarbeit wird wichtiger werden. Denn der Pfarrer wird, da die Gemeinden
zusammengelegt und die Seelsorgeräume größer werden, immer weniger selbst
machen können. Wir werden also über kurz oder lang ein völlig neues
Pfarrerbild bekommen. Der Pfarrer oder die Pfarrerin müssen zunehmend auch die
Arbeit anderer »managen« und unterstützen können.
Publik-Forum:
Wird die Kirche der Zukunft eine Kirche der kleinen Gemeinschaften und
Netzwerke sein?
Nethöfel:
Das ist die große Frage. Es gibt Gefahren. In den USA ist es vielfach so,
dass sich Pfarrer ihre Gemeinde selbst organisieren und sich dann aber auch
alles um diesen Pfarrer als Guru dreht. Die Gefahr ist dabei, dass die globale
Verantwortung für die Natur und für jene, die sonst keine Stimme haben, nicht
mehr öffentlich, nicht mehr als politische Lobbyarbeit und auf Augenhöhe
wahrgenommen werden kann. Eine andere Gefahr ist, dass die Kirche dann auseinander fällt.
Gerade die EKD steht in der Gefahr zu zerreißen: indem die finanziell intakten
und die finanzschwachen Landeskirchen als Netzwerk auseinanderfallen. Das ist
zwar zunächst eine typisch protestantische Gefahr, aber man kann heute nicht
wissen, welche Fliehkräfte sich in der katholischen Kirche herausbilden werden.
Denn auch dort gibt es ja finanzstarke und fast schon bankrotte Bistümer.
Publik-Forum:
Was wäre denn wünschenswert? Eine stärkere Zentralisierung?
Nethöfel:
Ich beneide hier die anglikanische Kirche. Es gibt unter dem Dach dieser
Kirche sehr große Unterschiede und dennoch eine bewundernswerte Solidarität
unter den Gemeinden und Bistümern. Es wird an exponierten Orten eine
hervorragende Sozialarbeit geleistet, in den großen Städten vor allem auch an
den Kathedralkirchen. Da braucht es keine Zentralisierung, sondern ein Ja zu
freiwilliger Solidarität an der Kirchenbasis. Die Kirche muss in jedem Fall als
Kirche kenntlich bleiben. Dieses Bewusstsein ist in der anglikanischen Kirche
weithin vorhanden.
Publik-Forum:
Sie plädieren dafür, die Kirche auch als Dienstleistungsunternehmen zu
verstehen – mit Qualitätsprüfung, Kundenorientierung und Coaching. Warum?
Nethöfel:
Die Kirche hat sich immer der neuesten Medien bedient. Das gehört zu ihrer
Tradition. Jesus war ein erstklassiger Geschichtenerzähler, Paulus ein
exzellenter Briefeschreiber – das waren jeweils die neuesten Medien der Zeit.
Später hat sich die Kirche ganz selbstverständlich des Buchdrucks bedient. Es
gibt ja diese Polemik: Die Kirche habe keine Kunden, sondern nur Mitglieder. Als
zahlendes Mitglied der Kirche erwarte ich aber, dass die Verantwortlichen als
meine Angestellten für mich Dienstleistungen erbringen und sich professionell
verhalten. Ich habe von der Wirtschaft gelernt: Ein Konzern misst das, was er
leistet, an dem Mehrwert, den er beim Kunden erzeugt. Gibt es ein besseres
Beispiel für das Bemühen, Kirche für andere zu sein?
Die Kirchen sind die große Alternative zum
Markt, aber sie sind es auf dem Markt. Und sie müssen dafür sorgen, dass diese
Alternative auf dem Markt lebendig bleibt. Die Kirchen müssen mit den Kindern
dieser Welt das Spiel dieser Welt spielen, um ihnen zu zeigen: Seht, es gibt
mehr als dieses Spiel, es gibt noch etwas ganz anderes.
Wolfgang Nethöfel
(61) ist evangelischer Theologe. Er lehrt Sozialethik an der Universität
Marburg und ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialethik (IWS),
ebenfalls in Marburg.
Das Interview von
Hartmut Meesmann mit Wolfgang Nethöfel ist am 26. Okt. 2007 in "Publik
Forum", Ausgabe 20 / 2007, erschienen.
Thema
Kirchenreform in Publik
Forum.
Das
neue Gesicht des Christentums (Interview)
in: Publik-Forum 2007/20, S. 54-56, als PDF.