
Kirche ohne Pfarrer?
Christentum in Selbstorganisation zwischen Profession und Ehrenamt
Die Selbstorganisation und der Umgang mit vakanten Pfarrstellen in den Gemeinden vor Ort sind in beiden großen Volkskirchen ein Thema. Zum einen haben es beide Großkirchen mit rückläufigen Zahlen der vorhandenen oder finanzierbaren, hauptamtlichen Theologen zu tun, zum anderen bietet diese Diskussion Anknüpfungspunkte für die Arbeit von regionalen Basisinitiativen und freiwillige Engagierten vor Ort. Daran schließt sich als dritter Aspekt die Debatte um das Rollenbild und Selbstverständnis an: In wie fern sollen Ehrenamtliche nur fehlende Hauptamtliche „ersetzen“ oder in wie fern arbeiten wir als Kirchen an einem fruchtbaren Miteinander von haupt- wie ehrenamtlich engagierten Menschen.
Nicht ohne Grund beschäftigen wir uns deshalb mit unseren ökumenischen Partnern auf einem ökumenischen Kirchentag mit diesen Fragen. Auf dem zurückliegenden evangelischen Kirchentag hatte die römisch-katholische Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ zum Gespräch am „Jakobsbrunnen“ eingeladen. Ich war einer der Gäste und wurde als Vertreter des Netzwerks Kirchenreform zum Thema „Reformprozesse und Vernetzung von Reformideen“ interviewt. Daraus entwickelte sich eine offene und angeregte Diskussion mit den Zuhörern. Wer glaubt, die evangelischen Landeskirchen seien mit ihren synodal-presbyterial strukturierten Beteiligungsmöglichkeiten besser aufgestellt, wurde prompt eines Besseren belehrt. Kurz und bündig wurde dort ein Beispiel aus der ökumenischen Basisbewegung geschildert. Wortgottesdienste ohne Eucharistie können von den Laien in der römischen Schwesterkirche allein verantwortet werden. Doch wenn es darum geht, einen ökumenischen Gottesdienst mit ehrenamtlichen Aktiven aus evangelischen Gemeinden zu feiern, tauchen immer wieder dieselben Beobachtungen auf: „Wie? Wir können doch keinen Gottesdienst ohne den Pfarrer feiern!“
Eines der Themen, das den Beteiligten auf den Nägeln brannte, war die Beteiligungskultur in den Gottesdiensten. „In vielen evangelischen Landeskirchen sind die Pfarrerinnen und Pfarrer meist nur noch Alleinunterhalter im sonntäglichen Trauerspiel“, attestierte ein Mitglied einer evangelischen Gemeinde. Dass es bei anderen Gottesdienstformen teilweise anders ausschaut, kann nur für kurze Zeit das Bild einer „heilen Welt“ in evangelischen Gemeinden malen. Denn schon in der nächsten Fragerunde wurde thematisiert, dass die meisten katholischen Pfarrgemeinderäte und Laienbewegungen vor Ort in dem ihnen möglichem Rahmen viel aktiver sind als ein durchschnittlicher Kirchenvorstand der inzwischen sehr pfarrerzentrierten evangelischen Landeskirchen.
Von Untersuchungen der Kirchenmitgliedschaft bis zum Papier „Kirche der Freiheit“, vom Selbstverständnis der Mitarbeitenden bis zur Sparpolitik in den Synoden - immer wieder wird deutlich, dass der deutsche Protestantismus längst zu einer Kirche der Pastoren und Pastorinnen geworden ist und das „Priestertum aller Getauften“ auch fast 500 Jahre nach der Reformation Martin Luthers im wesentlichen ein Lippenbekenntnis auf geduldigem Papier bleibt. Inzwischen haben die katholischen Laienbewegungen das ehrenamtliche Engagement im Protestantismus nicht nur eingeholt, sondern weit hinter sich gelassen.
Aber woran liegt es, dass die Dynamik eines Konziliaren Prozesses oder das Streben nach einer fairen und nachhaltigen Welt bei vielen Evangelischen dem stumpfen Gemeindealltagstrott gewichen sind und nur noch in jährlichen Rhythmen bei bundesweiten Treffen wie dem Kirchentag für die nächste Durststrecke beatmet werden? Ist es die Resignation vor immer wiederkehrenden Strukturdebatten? Oder liegt es daran, dass die Vielfalt des deutschen Protestantismus postmodern in eine Kultur der uninteressierten Beliebigkeit umgekippt ist? Kann es sein, dass die Gremien zu viel und zu lange beratschlagen und niemand schnelle Entscheidungen verantworten will? Oder haben wir es uns in der evangelischen Kirche einfach zu bequem gemacht?
Martin Luther wird sicherlich Recht damit haben, dass es beim Zusammenspiel vieler begabter Glieder einer Ordnung bedarf. Aber wieso werden nur Pfarrerinnen und Pfarrer „ordnungsgemäß berufen“? Sicherlich kennen Sie diese These: Statt den einen Papst in Rom haben die evangelischen Christen die vielen Päpste in schwarzen Talaren. „Wir sind Papst“ ist theologisch eine wertvolle Aussage. Gemeint ist hier aber die Erfahrung, dass so mancher Pastor auch gern das Gemeindeleben dominiert und alle Zuständigkeiten an sich reißt. Es gibt aber immer öfters auch einen anderen Effekt. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer leiden unter den hohen Ansprüchen oder erleiden sogar einen Burnout, weil sie sich für vieles verantwortlich fühlen. Und so manches Gemeindemitglied oder sogar so mancher Presbyter lehnt sich noch gern zurück: „Warum sollte ich aktiv werden, dafür haben wir doch eine bezahlte Kraft?“ Und es sind nicht wenige Gemeinden, in denen viele Aufgaben, vor allem aber viele Entscheidungsbefugnisse bewusst oder unbewusst, aus Bequemlichkeit oder einfach aus Routine heraus den Pastorinnen und Pastoren zugeschoben werden: „Das hat schon immer der Pfarrer gemacht.“ „Das war bei uns schon immer so.“
Bei vielen Reformdebatten auf Kirchentagen und an anderer Stelle wird stets die „Beteiligung der Basis“ und eine „dichte Rückmeldekultur“ eingefordert, doch die Entscheidungen werden immer wieder gern und ebenso leichtfertig an Hauptamtliche abgetreten. Über die Gemeindefusion streiten sich so nur noch die betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrer, und vom EKD-Reformprozess haben sich zwischenzeitlich die meisten demokratisch legitimierten Gremien mental verabschiedet. Auch die EKD-Zukunftswerkstatt gab ein entsprechend schwaches Bild ab: Wo „Gemeinde“ drauf steht, war bei so manchem Beispiel keine echte Basisinitiative drin. Und eine nachhaltige Vernetzung mit bereits vorhandenen Basisinitiativen oder bundesweiten Netzwerken lehnten „die Macher“ aus dem Kirchenamt der EKD strikt ab. Man setzt lieber auf die durch viele Ausschüsse gefilterten „politisch korrekten“ Beispiele auf kopierten Internetseiten, statt der Dynamik einer Basisbewegung freien Lauf einzuräumen. Erfolgreiche Reformbewegungen wachsen dagegen von „unten“ - Reformen können eben nicht einfach nur von „oben“ verordnet werden. Dies wird zum Glück in so manchem Landeskirchenamt langsam verstanden. Doch bisher konzentriert sich die Wahrnehmung noch immer hauptsächlich auf das Pfarramt.
Dabei gibt es viele Formen der Zusammenarbeit, in denen die Gaben Einzelner eingebracht und die Erfahrungsschätze Vieler gehoben werden können. Welche Form dies ist, hängt stark vom Kontext der regionalen Gegebenheiten ab. Wir sind als Kirche gut beraten, Kompetenzen und Fähigkeiten von Gemeindegliedern nicht zu unterschätzen oder sie als Unmündige anzusehen. In vielen Handlungsfeldern würden wir sicherlich besser aufgestellt sein, wenn wir geistliche und weltliche Leitung trennen würden. Ein Pastor sollte natürlich die Schlüsselqualifikationen mitbringen, auch ein guter Moderator oder Konfliktmanager zu sein. Aber wenn eine Kirchengemeinde keine ehrenamtliche Kirchenratsvorsitzende findet, geschweige denn überhaupt die Kandidatenliste für eine Kirchenvorstandswahl füllen kann, ist sie sicherlich alles andere als eine lebendige und gesunde Gemeinde! Mir ist bewusst, dass ich mit dieser Aussage Protest lostrete. Aber wie auch immer Ihre Vision der Kirche aussehen mag, wir werden sicherlich mehr Eigenverantwortung der Vielen fördern – und auch einfordern – müssen, und nicht alles in die Hand von wenigen Angestellter delegieren können.
Laut den zurückliegenden Mitgliedschaftsbefragungen ist die Pfarrerin oder der Pfarrer die zentrale Ansprechperson oder „das Gesicht der Kirche“ vor Ort. Wenn diese Profession zum Schlüsselberuf erklärt wird, bringt dies organisatorisch wie theologisch Nachteile mit sich.
Die Motivationsgründe für freiwillig Engagierte sind zudem sicherlich sehr verschieden und reichen von der Selbstverwirklichung bis zur selbstlosen Nächstenliebe. Aber wenn Leitungsfunktionen verstärkt ehrenamtlich wahrgenommen werden, weckt dies leicht das Interesse und die Bereitschaft für die eigene Beteiligung anderer, als wenn man dazu vom Pfarrer überredet werden muss. Vor allem bietet es allein schon psychologisch die Option, womöglich eigene Verbesserungsvorschläge umsetzen zu können. Aber das Bild der Kirche hängt schief, wenn immer nur die Pastorin in der Zeitung erwähnt oder beim Dorffest das Grußwort des Pfarrers erwartet wird - aber ein ehrenamtlicher Kirchenvorstandsvorsitzender bei repräsentativen Aufgaben (oder auf der Gemeindehomepage, im Gemeindebrief, ...) nicht vor kommt.
„Warum gibt es in der evangelischen Kirche eigentlich keine Kirchenvolksbewegung?“, fragte mich ein interessierter evangelischer Besucher in der letzten Fragerunde am Jakobsbrunnen. Das ist wahrlich eine gute Frage! Zum einen lassen wir uns vielleicht zu leicht damit zufrieden stellen, dass wir dank der synodal-presbyterialen Ordnungen und Kirchenverfassungen strukturell ein Quantum Trost in dem „Mehr“ an Beteiligungsmöglichkeiten haben, was Entscheidungsfindungen gelegentlich allerdings auch entsprechend aufwendig, langwierig und schwierig gestaltet.
Zum anderen ist aber vermutlich auch die Not in den Landeskirchen noch nicht groß genug, um die Mitglieder entsprechend zu mobilisieren. Dieses Phänomen kennen wir von vielen vakanten Kirchengemeinden: Sobald ein neuer Pfarrstelleninhaber die Vakanz beendet, bricht das ehrenamtliche Engagement wieder zusammen. Denn entweder verlassen sich alle Aktivposten wieder auf die bezahlte Fachkraft als den „Alleinunterhalter“, oder aber der Pfarrer selbst verhindert schleunigst jede Eigeninitiative unter den einfachen Kirchenmitgliedern. Solange sich Forderungen nach mehr Beteiligung und Demokratie in der Kirche nicht vernetzen, wird es auch keine evangelische Kirchenvolksbewegung geben. Schließlich hat uns die Reformation Martin Luthers anstelle des einen Papstes in Rom das Papsttum der vielen Talarträger gebracht, und offenbar scheint die Mehrheit im deutschen Protestantismus mit diesem Modell von Kirche glücklich und zufrieden zu sein.
Die Alternative freilich wäre, sich zu vernetzen und zumindest den Austausch – auch mit den ökumenischen Partnern – zu fördern. Genau dies ist auch die Intention unseres gemeinsamen Programmbeitrags auf dem ökumenischen Kirchentag in München.
Stefan Bölts ist Referent für Kirchenreformen im Institut für Wirtschafts- und Sozialethik in Marburg
(IWS) und Redakteur im
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