Netzwerk Kirchenreform - Sunday, 5. September 2010
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Ganz im Zeichen von Wittenberg

Ortsgemeinde – das sind die, die dem Ruf zur Nachfolge nicht gefolgt sind

  

Stefan Bölts

Ganz im Zeichen vom EKD-Zukunftskongress, der Ende Januar in der Lutherstadt tagte, hatte die Kaiserswerther Diakonie (Düsseldorf) die 4. Wissenschaftliche Tagung des Netzwerkes „Gemeinde und funktionale Dienste“ vom 9. bis 11. Februar 2007 eingeladen. 

         
Das Netzwerk wurde im September 2001 in Darmstadt gegründet und in ihm arbeiten insbesondere TheologInnen (leitende MitarbeiterInnen der Landeskirchenämter und WissenschaftlerInnen), SoziologInnen und JuristInnen aus den evangelischen Landeskirchen und aus dem Universitätsbereich zusammen. Fokus des Netzwerkes ist über den Arbeitstitel "Gemeinde und funktionale Dienste" hinaus insbesondere die kirchliche und religiöse Situation der Großstädte in Deutschland. Dabei werden im interdisziplinären Austausch mit Praxisbezügen theologische, soziologische, juristische und weitere relevante Aspekte berücksichtigt.

          
So stand auch die Tagung in diesem Jahr unter dem Thema „Gemeindeentwicklung in der Großstadt. Möglichkeiten exemplarischen Lernens.“ Über vierzig Experten aus zehn verschiedenen evangelischen Landeskirchen sowie röm.-katholischen Bistümern fanden sich zusammen, um über verschiedene Formen der Gemeindeentwicklung ins Gespräch zu kommen. Einleitend gab es drei Praxisbeispiele: Den volkskirchlichen Aufbruch durch das Stadtkloster „Segen“ in Berlin (Prenzlauer Berg-Nord), das diakonische Ensemble mit der Weißfrauen-Diakoniekirche in Frankfurt am Main und der missionarischen Erneuerung am Beispiel der Apostelgemeinde in Oberhausen (Evangelische Kirche im Rheinland). Hintergrund aller drei Beispiele war die schwierige Situation, dass die Gemeinden die jeweiligen Kirchen aus finanziellen Nöten eigentlich hätten schließen müssen und nun in vielfältiger Form Neues wachsen kann.

           
Die Kooperation der in Berlin fusionierten Gemeinde mit der Schweizer Kommunität „Don Camillo“ verspricht in der Bundeshauptstadt nicht nur ein spiritueller Ort der Ruhe und Einkehr anbieten zu können, sondern dürfte vor allem bisher nicht erreichte Zielgruppen ansprechen dürfen und bietet für die umliegenden Schulen auch im Bereich der Schulseelsorge eine große Chance. In der in Frankfurt am Main nun in die Trägerschaft der Diakonie übergegangene Kirche werden nicht nur Betreuungsangebote für hilfebedürftige Bürger angeboten, sondern ein Kreis von Künstlern und Kreativen sorgt dafür, dass die Themen der Diakonie in ungewöhnlicher und daher ansprechender Weise in der Stadt der Bänker angesprochen und diskutiert werden können. So werden durch das Projekt „Abendmahl“ regelmäßig Menschen aus verschiedener Gesellschaftssichten an einen Tisch geholt und ins Gespräch gebracht. Einen wahren Aufbruch erlebt die Apostelgemeinde in Oberhausen, die noch vor kurzem quasi pleite gewesen war. Mit konzeptionellen Ideen aus der WillowCreek-Bewegung wächst die Gemeinde nun stetig über sich hinaus und Einnahmen durch Spenden und Drittmitteln übertreffen bei weitem die geringe Kirchensteuerzuweisung. Obwohl der Stadtteil am Tackenberg auffällig viele Bewohner mit Migrationhintergründen hat, ist die Kriminalitätsquote hier am geringsten. Polizei und Stadt sehen dies im sozialdiakonischen Engagement der Kirchengemeinde begründet, die zudem einen engen Austausch mit der vor zwei Jahren errichteten Moscheegemeinde pflegt.

           
In verschiedenen Kleingruppen und Plenumdiskussionen boten sich dann Möglichkeiten, sich über die verschiedenen Inputs auszutauschen. Durch Fachvorträge wurde am zweiten Tag auch das Verhältnis von Diakonie und Kirche diskutiert und reflektiert. Die gewandelte Situation brachte Pfarrer Matthias Dargel, Vorstandssprecher der Kaiserswerther Diakonie, zugespitzt auf den Punkt: „Wie viel Kirche kann sich Diakonie noch leisten.“ Es sind noch viele Menschen bereit, die Kirche zu finanzieren, weil sie durch die Diakonie gute Arbeit leiste. Zugleich wird das Handeln der Diakonie in der gesellschaftlichen Wahrnehmung auch den verfassten Kirchen zugeschrieben. Fast alle Plenumsteilnehmer waren sich schnell einig, dass es noch eine viel engere Verzahnung von Kirchengemeinden und Diakonie geben müsse. Und so wirbt der Leiter der Kaiserswerther Diakonie auch stetig bei Presbytern darum, auch Diakonische Einrichtungen als Teil der Gemeinden zu verstehen. Er wies aber auch auf Mängel hin, so müsse die Diakonie nun selbst ihre Mitarbeitenden in den Grundlagen des christlichen Glaubens schulen, weil die Kirche vielerorts ihrem Lehrauftrag nicht mehr ausreichend nachkäme. 

         
Wissenschaftlich wurde das Tagungsthema vor allem durch die Strategieüberlegungen von Oberkirchenrat Dr. Klaus-Dieter Grunwald und Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel reflektiert. Und so formulierte der Professor für Sozialethik in Marburg: „Theologisch gesehen ist die Ortsgemeinde die Gruppe, die den Ruf Jesu >>Folge mir nach<< nicht gefolgt ist, sondern mit ihrem Hintern sitzen geblieben sind.“ Hiermit kritisierte der Sprecher des Netzwerkes vor allem die „Clubmentalität“ vieler Kerngemeinden, die den größten Anteil von finanzielle und personellen Ressourcen auf sich vereinigen würden, anstatt für neue Wege offen zu sein, auch die anderen 80% der Gemeindemitglieder oder Menschen darüber hinaus anzusprechen. Deshalb seien auch alle Theologien über Gemeinden in Schieflagen, weil sie noch immer an dem erst vor rund 120 Jahren entstandenen parochialen Strukturen verhaftet seien. Sein katholischer Kollege aus Fulda, Professor Dr. Richard Hartmann, merkte hierzu an, dass man Gemeinden als Sozialform aber auch nicht zu schnell als Clubgemeinden abwerten dürfe. Die sitzen gebliebende Gemeinde habe sicherlich auch ihren Grund, warum sie sitzen geblieben ist und fußlahm im wandelnden Gottesvolk sei. Konsens fand sich aber schnell darin, dass das Kirchturmdenken überholt sei und gerade in Städten und Großstädten die Parochien zu Gunsten einer gemeinsamen Kirchegemeinde mit vielfältigen Schwerpunktsetzungen aufzugeben sei. 

        
In diesem Sinne wird auch das Netzwerk „Gemeinde und funktionale Dienste“ den Impuls aus Wittenberg, verstärkt über neue und alternative Gemeindeformen nachzudenken, auf seinen weiteren Tagungen verfolgen. So sind auch Tagungen zum Austausch des exemplarischen Lernens zwischen einzelnen Landeskirchen geplant und ein Netzwerk der Netzwerke (z.B. Citykirchenarbeit u.ä.) ins Auge gefasst worden. Zufrieden zeigte sich der Sprecher Prof. Dr. Nethöfel, dass nicht nur wesentliche Anregungen aus den Netzwerktagungen in das EKD-Impulspapier eingeflossen worden waren, sondern dass nun auch einzelne Landeskirchen die Idee der Reformdekade aufgreifen und Folgetagungen zu Wittenberg arrangieren. 

So hatte der Schirmherr der Tagung, Präses Nikolaus Schneider, nicht nur über die Reformen innerhalb der Rheinischen Kirche berichtet, sondern auch angekündigt, dass die Evangelische Kirche im Rheinland für den 6. März eine solche Folgetagung organisiere. Auch in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau ist ein solches Nachtreffen geplant, damit die Impulse aus Wittenberg auch in der breiten kirchlichen Öffentlichkeit weiter thematisiert werden und bleiben. Zur Vernetzung solcher Ideen und Projekte stelle der Student Stefan Bölts auch die studentische Initiative mit der Internetplattform www.netzwerk-kirche-der-freiheit.de vor. Ebenfalls im weltweiten Netz ist die Datenbank für Kirchenreformen des Netzwerkes zu erreichen: www.kirchenreform.de

         
Die meisten Beiträge zur Fachtagung werden auch im nächsten Sammelband „Kirchenreform strategisch“ aufgenommen, dass nach dem 2005 im EB-Verlag erschienenden ersten Band „Kirchenreform jetzt!“ in diesem Jahr zum Kirchentag in Köln durch den C&P-Verlag auf den Markt kommen wird.

        
Stefan Bölts

  

Stefan Bölts ist Theologiestudent und 
Referent für Kirchenreformen 
im Institut für Wirtschafts- und Sozialethik 
an der Philipps-Universität in Marburg.
www.iws-netz.de